Seit 2019 bin ich als Sternenkindfotografin bei Hopes Angel gelistet. Seit diesem Jahr bin ich außerdem bei Dein Sternenkind registriert.
Ich werde immer wieder gefragt wie ich darauf kam mich ehrenamtlich in diesem Bereich zu engagieren, wie sowas überhaupt abläuft usw.
Deshalb möchte ich euch heute davon erzählen.

Was ist Sternenkindfotografie?

Sternenkinder sind Babys, die noch im Mutterleib oder kurz nach der Geburt sterben. Sternenkindfotografen, egal im Rahmen welcher Organisation, haben es sich zur Aufgabe gemacht Sternenkinder zu fotografieren.  Dieses Angebot ist im Normallfall immer kostenlos und zu 100% ehrenamtlich.
Erinnerungen verblassen wahnsinnig schnell. Diese Fotos können dann eine Stütze sein um sich an das Kind zu erinnern, an die vielen kleinen besonderen Details. Die Fotos sind aber auch ein Beweis für die Existenz des Kindes. Fotos können auch bei der Trauerbewältigung eine große Hilfe sein. 

 

 

Wie kam es dazu, dass du dich bei Hopes Angel angemeldet hast?

Es gibt im deutschsprachigen Raum einige Vereine, die sich Sternenkindern und ihren Eltern gewidmet haben. Hopes Angel hat mir dabei am meisten zugesagt, da sie nicht „nur“ Fotos anbieten sondern eine rundum Betreuung.
Immer wieder war ich auf der Webseite, habe mir die Voraussetzungen durchgelesen. Oft habe ich das Kontaktformular schon ausgefüllt, aber ich habe mich nie getraut auf Senden zu klicken.
Ich war mir nicht sicher ob ich dazu geeignet war, ob ich das schaffen würde, das ganze emotional verkraften würde. Monatelang habe ich mit mir gehadert.

 

 

 

 

Eine Kollegin bittet um Hilfe

Im August 2019 bat um eine Kollegin um Hilfe. Sie war schon länger Mitglied bei Hopes Angel, hatte für diesen Einsatz aber keine Kapazitäten frei. Auch kein anderer aus dem Verein war verfügbar. So hat sie im lokalen Netzwerk gefragt ob irgendjemand dazu bereit sei den Einsatz zu übernehmen.
Ich musste keine Sekunde darüber nachdenken. Mein Bauchgefühl sagt mir sofort, den Einsatz übernehme ich.

Bevor ich ins Krankenhaus fuhr holte ich bei meiner Kollegin noch eine Trosttasche für die Eltern ab und bekam eine kurze Einweisung. Ich war wahnsinnig nervös. Schließlich wusste ich nicht was auf mich zukommt.

 

 

Das erste und auch letzte Foto

Während meines ersten Einsatzes waren die Hebammen eine große Hilfe.
 Als ich danach im Auto saß brauchte ich erstmal Zeit das ganze zu verarbeiten, Zeit um zu realisieren was ich gerade gesehen habe.
Dieser Einsatz lief mir noch eine ganze Weile nach. Für mich war an diesem Tag klar, dass das nicht mein letzter Einsatz bleiben sollte und so meldete ich mich bei Hopes Angel an.

Ich werde immer wieder gefragt wieso man so etwas ehrenamtlich macht. Ja natürlich, es ist nicht leicht. Hinter jedem Einsatz steht ein tragischer Schicksalsschlag, eine trauernde Familie, Menschen, die sich so sehr auf dieses Baby gefreut haben.
Es ist meistens das erste und auch gleichzeitig das letzte Fotos dieses kleinen Menschen. Und genau das treibt mich an bei jedem Einsatz mein bestes zu geben und unwiederbringliche Erinnerungen zu schaffen. 

 

Wie läuft sowas ab?

Je nach Organisation ist das etwas unterschiedlich. Bei DSK gibt es beispielsweise eine Alarm-App. Jeder Fotograf wird einem oder mehreren Alarmkreisen zugeordnet. Gibt es einen Einsatz in diesem Gebiet meldet das die App. Der Fotograf, der aktuell Kapazitäten hat meldet sich für den Einsatz.
Bei Hopes Angel läuft das ganze ohne App ab. Ansonsten ist der Ablauf aber immer sehr ähnlich.

Manchmal melden sich die Eltern selbst bei der entsprechenden Organisation, manchmal ist es die Hebamme, manchmal auch Freunde oder Familienangehörige. Dann wird geschaut welcher Fotograf sich im Umkreis befindet und wer momentan Kapazitäten frei hat. 
Wenn ich mich für einen Einsatz melde rufe ich im nächsten Schritt die Klinik an, gebe Bescheid, dass ich übernehme und wann ich in etwa da sein könnte. Hier bekomme ich auch Infos zu dem Baby (z.B. wie alt es ist) und eventuell andere wichtige Informationen. Ich frage auch ab ob die Eltern dabei sein wollen und auch gemeinsame Fotos mit ihrem Kind wünschen, ob Kleidung für das Sternchen vorhanden ist oder ich etwas mitbringen soll, usw.

Manchmal fotografiere ich das Baby alleine, manchmal sind die Eltern dabei. Entweder suchen diese oder ich passende Kleidung aus. Manche Kliniken haben Kleidung, manchmal bringe ich auch etwas mit. 

Hierfür gibt es separate Vereine, die extra dafür Kleidung und auch kleine Kuscheltiere etc. nähen.  

Wenn die Eltern dabei sind versuche ich immer zu erklären was ich gerade mache und versuche dabei so viele Details wie möglich festzuhalten. Sofern gewünscht mache ich auch Fotos zusammen mit den Eltern, eventuell auch älteren Geschwistern, Großeltern usw.
Wenn ich im Namen von Hopes Angel unterwegs bin gibt es für die Eltern noch ein Erste-Hilfe-Paket. Ich lasse auch immer meine Karte da, falls irgendetwas sein sollte. Ebenso biete ich an bei Bedarf auch die Beerdigung zu fotografieren.

Die Dauer der Einsätze ist ganz unterschiedlich, je nachdem ob die Eltern dabei sind oder nicht. Manchmal warten wir noch auf Angehörige. Von einer halben Stunde bis hin zu 6 Stunden war schon alles dabei. Termine danach werden meinerseits abgesagt bzw. verschoben um jeglichen Zeitdruck zu vermeiden.
Sobald ich zu Hause bin werden die Daten gesichert, die Fotos bearbeitet und Abzüge bestellt. Sobald diese da sind packe ich ein Päckchen mit den digitalen Dateien zusammen und schicke diese an die Familie. 

 

 

Welche Gedanken gehen dir vor einem Einsatz durch den Kopf?

Manchmal entsteht schon ein mulmiges Gefühl, wenn ich gerade beim Bilder bearbeiten bin, vielleicht an einer Wochenbett- oder Familienreportage sitze, diesen ganz normalen Familienalltag sehe und dann der Anruf kommt, dass sich Eltern eines Sternchens Fotos wünschen. Ich wechsle dann aber recht schnell in den Arbeitsmodus. Ich packe meine Tasche und kontrolliere ob ich alles dabei habe. Sind die Akkus geladen, ist die Speicherkarte leer? Habe ich alle Objektive dabei, die ich brauche? Ist der Blitz einsatzbereit falls es viel zu dunkel sein sollte? Habe ich die Einwilligung, dass ich fotografieren darf? Wenn benötigt packe ich noch passende Kleidung ein. Habe ich meinen Impfausweis, FFP2-Maske etc.? Dann gebe ich meinem Mann Bescheid, sage eventuell Termine ab und mache mich auch schon auf den Weg. Während der Autofahrt versuche ich vor allem meinen Kopf frei zu kriegen. Der Alltagsstress, meine ToDo-Listen, eventuelle Sorgen und Probleme, anstehende Termine haben hier einfach keinen Platz. Ich möchte in den nächsten Stunde voll und ganz für die Familie da sein und mein bestes geben um für sie diese kostbaren Erinnerungen festzuhalten.
Wenn ich bei einmaligen Ereignissen wie einer Hochzeit Fehler mache ist das natürlich schade und man steht dabei auch unter Druck. Aber diese Fotos kann man zur Not in etwas anderer Form nachholen. Die Fotos aber, die ich für die Eltern eines Sternenkindes mache, die kann ich nur ein Mal machen. Da muss alles sitzen. 

Weisen die Kliniken die Eltern auf diese Möglichkeit hin?

Wer auf dieses Angebot aufmerksam macht ist sehr unterschiedlich. Leider wissen immer noch nicht alle Kliniken, Hebammen etc. davon, dass es das gibt. Ich habe auch schon von Fällen gehört in denen bewusst nicht darauf hingewiesen oder sogar davon abgeraten wurde, weil es als unnötig oder nicht schön empfunden wurde. Ebenso gibt es viele Bestatter, die das ganze wirklich schön und empathisch begleiten, andere halten nichts davon gerade sehr frühe Geburten normal zu bestatten. Hier steht noch sehr viel Aufklärungsarbeit an.
Deshalb, wenn du Betroffene kennst, wenn es sich irgendwie im Gespräch ergibt dann erzähle davon, dass es sowas gibt. Je mehr Leute davon wissen, desto mehr Eltern haben die Chance auf Fotos, auf Erinnerungen, auf Trauerbegleitung. 

Das darf einfach kein Tabuthema mehr sein. 

 

 

Wie schaffst du das?

Immer wieder werde ich gefragt wie ich das schaffe. Ich muss dazu sagen, dass ich im Vergleich zu Kollegen nicht so viele Einsätze habe. Da sieht es in Ballungsgebieten und großen Städten natürlich ganz anders. 
So ein Einsatz ist nie leicht. Ich bin jedes Mal nervös, weil mir sehr bewusst ist wie unfassbar kostbar diese Fotos sind. Aber ich muss sagen mit der Zeit wird es leichter. Das Krankenhauspersonal ist sehr hilfsbereit. Außerdem habe ich tolle Kollegen mit denen ich mich darüber austauschen kann. Zusätzlich gibt es Unterstützung durch die Vereine falls nötig. Zusätzlich hilft es mir den nötigen Abstand zu bewahren, dadurch, dass ich in dem Moment im „Arbeitsmodus“ bin. Meine Kamera ist wie ein kleines Schutzschild. Das heißt nicht, dass ich nicht mitfühle. Manchmal muss ich auch kurz den Raum verlassen, tief durchatmen. Es fließt dabei auch durchaus die eine oder andere Träne. 
Aber ich bin jeden Tag dankbar, dass meine Kollegin damals um Hilfe bat und mich dazu entschlossen habe endlich auf Senden zu klicken.