Was ist, wenn wir auf manchen der Fotos genervt aussehen?

Vor kurzem habe ich mich mit einer Mama unterhalten wegen ihrer anstehenden Familienreportage.
Eine große Sorge war, dass der Tag nicht so läuft wie geplant und erhofft und man dann auch mal genervte Gesichter auf den Fotos sehen könnte.
Am Ende konnte ich sie beruhigen und die Fotos sind super schön geworden.
Deshalb nehme ich mir für das Vorgespräch so viel Zeit wie es eben braucht. Damit ihr am Ende ganz entspannt in die Familienreportage starten könnt.

Viele haben diese Sorge vor einer Reportage

Aber
Diese Sorge, dass es „unperfekte“ Fotos geben wird, dass man sieht, dass die Eltern vielleicht auch mal genervt oder müde sind, dass die Kinder mal schlecht drauf sind und weinen oder wütend sind, diese Sorge haben tatsächlich sehr viele der Familien, die ich fotografiere.

 

Ich habe auch eine Umfrage gemacht und gefragt was ihr dazu denkt. Wollt ihr Fotos aus dem echten Leben mit allen Momenten, auch mit den „negativen“ Emotionen oder wollt ihr nur Fotos von den vermeintlich perfekten Momenten?

 

Die Antworten waren sehr bunt gemischt. Ein paar der Antworten möchte ich mit euch teilen:

 

„Perfekt ist langweilig“

 

„Ich persönlich mag lieber Fotos auf denen alles gut läuft, weil ich mich ja am liebsten an die schönen Momente erinnern will, an denen alles perfekt war.“

 

„Auch das sind Momente, die uns verbinden! In denen nicht alles easy peasy locker flockig ist. Es muss normalisiert werden, dass wir als Eltern nicht immer nur freudig sind in dieser Rolle. Dass auch genervt sein zu einem gewissen Maß normal ist. Wir wollen Authentizität für und von unseren Kindern. Leben wir sie…“

Ich liebe alle Momente

Vorweg möchte ich noch sagen, jede Meinung zu dem Thema ist total ok. Ihr bezahlt für Familienfotos und dann sollt ihr natürlich auch die Fotos bekommen, die ihr euch wünscht, egal ob dokumentarisch oder im Studio oder ob nur perfekte Momente oder alle Momente.


Ich persönlich liebe alle Momente einer Reportage. Ich liebe natürlich die „perfekten“ Momenten in denen alle lachen, Spaß haben usw. Klar ist das schön zu sehen und zu fotografieren. Und natürlich will man sich an solche Momente erinnern.

Ich liebe aber auch die chaotischen Momente, die Momente in denen man den Eltern ansieht was es alles abverlangt Eltern zu sein, in denen man sieht, dass die Kinder gerade auf etwas keine Lust haben, weinen, vielleicht wütend sind.

Ich liebe alle Momente und empfinde auch jeden von ihnen als wertvoll.


Wieso ich diese Momente so liebe?

 Das hat vor allem  zwei Gründe.

 

Zum einen stecken auch diese Momente, an die man sich im ersten Moment vielleicht nicht so gerne zurück erinnert voller Liebe.
Egal ob es um erschöpfte Eltern geht, ein weinendes Kind oder auch Ereignisse wie eine Beerdigung.
All diese Momente stecken voller Liebe. Das mag man in dem Moment vielleicht anders sehen, aber versucht einfach mal nach einer gewissen Zeit zu reflektieren.

Zum anderen bin ich der Meinung, wenn wir nur die guten Momente fotografieren, nur die guten Momente ansehen und zeigen sagen wir damit indirekt, dass negative Emotionen nicht ok sind. 
Ich persönlich denke aber, dass alle Emotionen ok sind, wichtig sind und ihren Platz brauchen.
Und wenn wir gerade Kinder nur in den guten Momenten fotografieren, vielleicht sogar darum zu bitten zu lächeln sagen wir unseren Kindern damit, dass sie nicht ausreichend sind, wenn sie nicht lächeln, vielleicht sogar weinen.


 

Gerade auf Social Media hat das ganze noch viel weitreichendere Folgen.

Wir sehen auf Social Media vorwiegend nur perfekte Momente, perfekte Familien, perfekte Wohnung, den perfekten Alltag, den perfekten Mensch, der alles immer schafft mit dem richtigen Mindset, die perfekten Kinder, die perfekt „funktionieren“.

Ganz ehrlich? Ich fange an mich dadurch schlecht zu fühlen, da ich nicht immer alles schaffe, nicht den perfekten Alltag gestemmt bekomme mit Arbeiten, Familienzeit, Sport, gesunder Ernährung. Ganz oft sieht es bei uns nicht wie im Katalog aus. Ich sehe aber, dass alle anderen es ja schaffen, dann muss ich das doch auch. Ich fange an mich zu hinterfragen, setze mich unter Druck.

Das alles vermittelt aber ein absolut falsches Bild, denn bei niemandem ist immer alles perfekt.

Ich denke, wenn wir anfangen das zu sehen, lernen uns so anzunehmen, das auch nach außen zeigen und vor allem unseren Kindern zu vermitteln dann können wir damit vieles zum positiven ändern.

Noch ein dritter Grund, wieso ich die unperfekten Momente liebe

Bei klassischen Fotos bekommt man immer die Aufforderung doch bitte zu lächeln. 

Natürlich freue ich mich, wenn ich ein ganz natürliches Lachen erwische, aber ich liebe auch die Momente in denen jemand nicht lächelt. So wie in diesem Foto unten, bzw links. das Mädchen.

Die Mama liebt dieses Bild nämlich total. Wieso? Weil es ihre Tochter mit einer für sie ganz typischen Mimik zeigt.
Und auch daran wollen wir uns doch erinnern, oder? Die typischen Angewohnheiten, die vielen kleinen Macken, eine besondere Mimik oder Gestik, die Aussprache bestimmter Wörter. Denn auch die machen doch uns Menschen aus.