Aber wieso?
Dazu muss man erstmal verstehen, was eigentlich dokumentarische Fotografie bedeutet. Dokumentarisch bedeutet eigentlich nur alles außer gestellte Fotos.
Der/die Fotograf*in inszeniert nichts und greift nicht ein. Es wird auch nicht versucht verbal oder nonverbal die Menschen zu bestimmten Handlungen zu bewegen oder sie zum Lachen zu bringen. Wenn ich z.B. eine Familie fotografiere, dann kann ich alleine schon dadurch, dass ich in einen bestimmten Raum gehe ein Kind animieren auch in diesen Raum zu gehen. Und den Einfluss als Fotografin versuche ich so sehr wie nur möglich zu minimieren.
Das bedeutet aber nicht, dass ich wie eine Fliege an der Wand den Familienalltag dokumentiere.
Im Gegenteil, ich bin präsent und ich unterhalte mich auch mit den anwesenden Personen, spiele manchmal sogar mit den Kindern.
Und hier könnte man meinen, dass das ja völlig entgegen den Prinzipien der dokumentarischen Fotografie geht.
Ziel ist es aber, dass die Menschen dadurch anfangen, sich vor der Kamera wirklich frei zu fühlen und sich frei zu bewegen, so wie sie sind, völlig natürlich. Denn das geht nur mit Vertrauen.
Dass dokumentarische Fotografie die schönste Art ist, fotografiert zu werden, dafür lege ich meine Hand ins Feuer.
Nicht nur, weil ich seit 9 Jahren meinen Fokus der dokumentarischen Fotografie gewidmet habe. Ich wurde auch selbst dokumentarisch fotografiert. Und das hat mich, meinen Blick auf die Welt, meinen Blick auf mich selbst nachhaltig verändert.
Denn es geht hier um so viel mehr als schöne, ungestellte Fotos. Das ist es nur an der Oberfläche.
Gesehen zu werden, so wie man ist, ohne Bewertung, das ist fast schon etwas Rebellisches und Sozialkritisches Denn wir werden jeden Tag bewerten. Jeden Tag sollen wir uns in Schubladen pressen und den Erwartungen anderer entsprechen. Dass diese Erwartungen absolut utopisch sind, ist uns allen klar. Und trotzdem wurden wir so sozialisiert, diesen Erwartungen gerecht zu werden. Und am Ende fühlen wir uns auch noch schlecht, weil wir es nicht geschafft haben, obwohl wir es eigentlich besser wüssten.
Dokumentarische Fotos von uns können ein erster Schritt sein, sich aus diesen starren Erwartungen und Mustern zu befreien.
Ja, so fotografiert zu werden, sich so auf Fotos zu sehen, das kann auch wehtun. Und trotzdem oder gerade vielleicht deshalb empfehle ich allen diese Art der Fotografie. Denn im zweiten Schritt ist das unfassbar heilsam.
Hier kommt dann übrigens auch der Mere-Exposure-Effekt ins Spiel, der für mich vieles verändert hat. Aber dazu mehr in einem separaten Beitrag.
Wenn die Fotos echt und ungestellt sind, dann sehen wir auch Dinge, die wir lieber nicht sehen wollen, die wir nicht an uns mögen. Und deshalb verstecken viele das auch gerne hinter inszenierten und retuschierten Fotos.
Aber ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, dass es unfassbar heilsam sein kann, wenn man sich dann genau damit auseinander setzt. Und ich sage nicht, dass man sich dadurch sofort oder irgendwann lieben wird. Das wird vielleicht für manche passieren.
Aber ich angefangen mir die Fotos, auf denen ich mich nicht mag, jeden Tag anzusehen. Und ich habe versucht dabei nicht zu bewerten. So wie ich es bei Fotos meiner Kund*innen auch tue. Und langsam aber sicher fand ich die Fotos immer weniger schlimm, manche haben sogar angefangen mir zu gefallen.
Ich bin auch noch weit enfernt von Selbstliebe. Aber genau diese dokumentarischen Fotos von mir, die ich nicht mochte, haben mir geholfen, mich ein Stück weit mehr zu akzeptieren, meine Makel zu akzeptieren, mich in meinem Körper wieder ein Stück weit mehr wohlzufühlen.
All das ist dokumentarische Fotografie.
Denn Menschen dürfen einfach sein, wie sie sind, wer sie sind. Ohne gesellschaftliche Normen oder Erwartungen. Ohne bewertet zu werden.
Und genau das begeistert mich auch so daran. Denn es geht um mehr als schöne, ungestellte Fotos. Es geht darum Menschen einen Raum zu schaffen, in dem sie sein dürfen.
Ein Raum, in dem sie nicht zu viel, zu wenig, zu laut, zu leise, zu dick, zu dünn, zu alt, zu perfekt, zu unperfekt, zu…. sind.
Und dabei ist es ganz egal, ob das eine Familienreportage ist, eine Hochzeitsreportage, eine Portraitsession oder ein Event. Dokumentarische Fotografie hält das ganze Leben mit all den Menschen darin fest, mit all ihren Facetten.
Niemand muss etwas sein, was er/sie nicht will.